Kein Bock auf Pro Köln!

Brüh im Glanze dieses Lichtes...

Überall muss gekürzt werden – Sparen wir uns die Nationalhymne!

»Deutschland, Deutschland über alles,
ein Idiot wer für dich fällt.
Und wenn es wieder erklingt,
das dreimal verfluchte Lied
von Deutschland,
so schaut euch an,
die es singen.«
(Neue Juristische Wochenzeitschrift 40/1985)


Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 brachte die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen eine Neuauflage ihrer Broschüre Kritikdes Deutschlandliedes von 1989/90 heraus. Sie wollte damit für eine profundere Auseinandersetzung mit der Geschichteund Gegenwart des Nationalismus undder Nationalhymne eintreten.

Die empörten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Benjamin Ortmeyer, der Autor der Broschüre, erhielt Drohbriefe mit antisemitischen Inhalten. Der Generalsekretär der CSU, Markus Söder, glaubte zu wissen, wo die vaterlandslosen Gesellen sitzen: »Es ist wieder typisch,dass linke Besserwisser den Deutschen ihre Freude nehmen wollen«. Der Vorsitzende der Berliner FDP, Martin Lindner, nannte die Kritik am Deutschlandlied einen »hirnverbrannten Schwachsinn«.»Skandalös«, fand Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußballbundes, die Kritik am Deutschlandlied. »Wir freuen uns in ganz Deutschland über den Beginn der Normalität, nur diese Leute bekommen das nicht mit«, pöbelte er. Diesen geistigen Ergüssen wollte auch Focus-Chef Helmut Markwort in nichts nachstehen und beschimpfte die GEW als »verbissene Sonderlinge«, die an »Selbsthasskonstruktionen« leiden würden. »Hasskonstruktionen« und »fröhlicher«, »normaler« und »unverkrampfter« Nationalismus passen irgendwie nicht zusammen. Deswegen distanzierten sich gleich alle Parteien des hessischen Landtags von einer Kritik am Deutschlandlied. Hier herrscht fröhlicher Nationalismus, verstanden! So fröhlich, dass die GEW umgehend nachgab und den Nationalen versicherte, dass »die Broschüre nur für den internen Gebrauch bestimmt« gewesen sei. Der GEW-Bundesvorsitzende Ulrich Thöne stammelte auf seinem Gang nach Canossa gleich noch, dass »wenn heute junge Fußballfans die Nationalhymne singen, (…) sie das aus Lebensfreude und zur Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft (tun)«. Da atmeten die Nationalen auf, die »68er-Spinner« waren wieder an die Kette gelegt. Na, noch mal Glück gehabt, schließlich hatte ja schon die Abteilung Verfassung, Strafrecht und Verwaltung des Bundesinnenministeriums bei der Kritik am Deutschlandlied die Ohren gespitzt und festgestellt, dass »mit einem undifferenzierten Verdikt über das ganze Lied (…) an einem Fundament des demokratisch-republikanischen Konsensgerüttelt« werde. Die Hamburger Schulbehörde hat indessen angekündigt, dass künftig alle SchülerInnen frühzeitig den Text und die Melodie der Nationalhymne lernen sollen – und zwar im Fach Musik in der Grundschule. Das passt allerdings gut, denn vom Nationalsozialismus haben die Schüler in diesem Alter meist noch nichts gehört. Die Deutsch-Nationalen betonen immer wieder, dass Hoffmann von Fallersleben ein »Schwarz-Rot-Goldener«, also ein Demokrat und Republikaner gewesen sei. Was dem Autor des Deutschlandliedes wirklich im Sinn stand, als er die Hymne schrieb, das erfährt man in seinen Gesammelten Werken. Diese sind geprägt von Hassgedanken gegen die Idee der »Völker«verständigung, Antisemitismus, reaktionärer Träumerei vom Kaiserreich und von Militarismus. Das müsse man aus der Zeit heraus verstehen, wird gerne von rechts angemerkt. Selbst wenn man eine derartige Gesinnung damit entschuldigen könnte, dass sie zu dieser Zeit »normal« gewesen sei, so stieß dieses Denken schon damals schon auf Kritik.
Zwar hatte die bürgerliche Revolutionvon 1789 auch eine Wirkung auf Deutschland, allerdings wurde sie mit ihrer Verkündung von »Freiheit, Gleichheitund Brüderlichkeit« bald negativ bewertet. Neben einer fortschrittlich-demokratischen Strömung, die sich weigerte, gegen die Ideale der Aufklärung in den Kampf zu ziehen, stand eine deutsch-nationale Bewegung, die vor allem auf die Einheit Deutschlands abzielte. Sie wandte sich einerseits gegen die Fürstentümer und den staatlichen Despotismus, andererseits aber auch gegen die Fremdherrschaft Napoleons und die damit verbundenen Ideale der französischen Revolution. Hoffmann gehörte dieser reaktionären Strömung an, was sich im hegemonialen Denken Hoffmanns äußerte wie:

»Was Teutschland ist und sollte,
Wenn jeder Teutsche wollte,
vor allen Nationen sein.
(…) Das erste Volk auf Erden
Ganz zweifelsohne werden.«


Hoffman war 1818 einer Bonner Burschenschaft beigetreten, deren Ideologie stark geprägt war von den Ideen des »Turnvaters« Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Moritz Arndt. Übrigens sind nach ihnen noch heute Gymnasien und Straßen benannt. In Deutschland werden eben die Leute geehrt, die ideengeschichtlich einiges geleistet haben. Ideen wie: »Mischlinge von Tieren haben keine echte Fortpflanzungskraft und ebenso wenig Blendlingsvölker ein eigenes volkstümliches Fortleben« finden sich in Jahns Schrift»Deutsches Volkstum« von 1806. Arndt, der 1813 im Stab des Reichsfreiherrn von Stein für Propaganda zuständig war, gab unter anderem folgendes von sich: »Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden. Ich will es aber auch deswegen nicht, weil sie ein durchaus fremdes Volk sind und weil ich den germanischen Stamm so sehr als möglich von fremdartigen Bestandteilen rein zu erhalten wünsche.«
Dass Arndts antisemitische Propaganda damals auf fruchtbaren Boden fiel,zeigten die pogromartigen Überfälle auf die jüdische Bevölkerung, die so genannten »Hepp-Hepp«-Unruhen. Hoffman hatte solche »Ideale« desgeistigen Sumpfs der Burschenschaft in sich aufgenommen, und das 1848 entstandene »Lied der Deutschen« war gewiss kein Kind der revolutionär-demokratischen Bewegung. Erstens, weil es sieben Jahre vor der Revolution entstand und zweitens, weil Hoffmann sich selbst von dieser Bewegung distanzierte. Mit »Einigkeit« meinte er nicht nur die Vereinigung der Fürstentümer zu einem Staat, sondern hatte auch expansionistische Ambitionen, wie das propagierte Staatsgebiet mit den Flussgrenzen Maas, Memel, Etsch und Belt im Lied verdeutlicht.
Erstmals erstöhnte das »Lied der Deutschen« im Krieg gegen Frankreich 1879, und wurde dann 1885 zum Geburtstag Bismarcks von einem Kriegerverein angestimmt. Am 9. August 1890 wurde das Lied bei einem Staatsakt anlässlich des Anschlusses Helgolands an Deutschland offiziell angestimmt. Im Ersten Weltkrieg setzte es sich als das Kriegslied durch.
1919 wurde das Lied bei der deutschen Nationalversammlung angestimmt als Zeichen des Protests gegen den Versailler Vertrag. Reichspräsident Friedrich Ebert legtedas Lied 1922 als Nationalhymne fest. Dies spricht nicht für das Deutschlandlied, sondern gegen Ebert, dessen Beschluss auch innerhalb der SPD auf Protest stieß.
Als Hitler am 17. Mai 1933 das deutsche »Friedensbekenntnis« ablegte, stimmte der Reichstag einmütig in das Deutschlandlied ein – die SPD-Mitglieder jedoch etwas bedrückter und angeblich nur aus Angst, ansonsten verhaftet zu werden.
Im gleichen Jahr wurde auch das »Gesetz zum Schutz nationaler Symbole« erlassen, welches u. a. untersagt, sich über die Nationalhymne lustig zu machen. Dieses Gesetz wurde von den Staaten der Anti-Hitler-Koalition 1945 aufgehoben und das Singen der Nationalhymne verboten, jedoch nur bis 1949. Im gleichen Jahr folgteder Antrag, das Deutschlandlied »in seiner ursprünglichen, unveränderten Form als Bundeshymne für die BRD« festzulegen.
Theodor Heuss lehnte dies zuerst ab, gab aber schließlich dem Druck von verschiedenen Seiten, u. a. von Adenauer und der Bundesregierung, nach. Die damalige Erklärung der Bundesregierung beteuerte, dass »die deutsche Politik (…) sich nichtmehr an einem Nationalismus [orientiert,] der einer vergangenen Epoche angehört und der zu der Katastrophe des Jahres 1945 mit beigetragen hat. Deshalb soll auch bei staatlichen Veranstaltungen die dritte Strophe des Deutschlandliedes gesungen werden.« Allein die Tatsache, die Katastrophe erst im Jahr 1945 anzusiedeln, spricht für sich.
1974 teilte das Bundespräsidialamt noch mal explizit mit, dass die deutsche Nationalhymne aus allen drei Strophen bestehe.
Obwohl die Nationalhymne gesetzlich nicht festgelegt ist, stellt § 90a Nr. 2 StGB aber jede »Verunglimpfung der Nationalhymne« unter Strafe. So kam es in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zu Straferlassen gegen »Verunglimpfer« der Hymne.
Insgesamt muss man feststellen: Es gibt keine plausiblen Gründe dafür, das Deutschlandlied weiterhin als Nationalhymne zu verwenden. Auf Sinn und Unsinn von Nationalhymnen und Nationen im Allgemeinen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Selbst die Melodie, die angeblich »vom Musikstandpunkt aus sicherlich mit Abstand die schönste Nationalhymne darstellt, die jemals ein Volk besessen hat« (so der ehemalige Vizepräsident der NS-Reichsmusikkammer Furtwängler), hat F. J. Haydn eigentlich als Hymne für Kaiser Franz, den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, komponiert.
Angesichts der Tatsache, dass das Deutschlandlied in seiner heutigen Form bei der Errichtung des KZs Dachau, bei der Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung und in der Reichspogromnacht ertönte, im Kriegsverlauf und bei der Massenvernichtung von Millionen Menschen allgegenwärtig war, heute dennoch als Nationalhymne verwendet wird, weist darauf hin, dass es keinen klaren Bruch der Geschichte nach 1945 gegeben hat, sondern darauf, dass es eine nationalistische Kontinuität in der deutschen Geschichte gibt. Die Entnazifizierung scheint nicht vollzogen worden zu sein, wenn der ehemalige KZ-Häftling Jean Amery 1980 noch sagen muss: »Ich fahre durch das blühende Land, und es wird mir immer weniger wohl dabei … Ein stolzes Volk, ein stolzes Volk, immer noch (…) [DerStolz] beruft sich nicht mehr auf die heroische Waffentat, sondern auf die in der Welt einzigartige Produktivität. Aber es ist der Stolz von einst, und es ist auf unserer Seite die Ohnmacht von damals.«

Dieser Text basiert auf der GEW-Broschüre »Argumente gegen das Deutschlandlied – Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation« von BenjaminOrtmeyer und auf einem Artikel von GastonKirsche der Jungle World 26/2006.

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